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Die Spiegelung der ägyptischen Kulturepoche in der heutigen Zeit

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Von Marco Bindelli //

Vorbemerkungen

In der Vorbereitung für unsere Reise nach Ägypten beschäftigten wir uns mit dem Vortragszyklus von Rudolf Steiner: Ägyptische Mythen und Mysterien. Schon im ersten Vortrag entwickelt er darinnen die ganze Abfolge der Kulturepochen vom alten Indien bis in die ferne Zukunft. Insbesondere kommt er darauf zu sprechen, daß sich die heutige Zeit, die fünfte Kulturepoche, innerlich mit der dritten, ergo der ägyptisch- chaldäisch-babylonischen spiegeln würde, sowie die folgende mit der persischen und die letzte mit der indischen Zeit. Nur die griechisch-römische Zeit steht für sich allein. Das gab uns einigen Anlaß diesen Hinweis zu prüfen und zu hinterfragen. Anhand welcher Phänomene und Erfahrungen können wir diese Aussage verifizieren und was ist mit Spiegelung eigentlich gemeint?

In einem ersten Schritt machten wir uns das Grundsätzliche dieses Begriffes klar. Spiegeln heißt nicht einfach wiederholen. Es steckt darin zwar ein sehr getreuer Zusammenhang zwischen dem was sich spiegelt und dem Spiegelbild selbst, aber wenn ich vor einem Spiegel stehe und meinen rechten Arm bewege, bewegt mein Spiegelbild seinen linken. Es handelt sich also um eine Art Umkehrung und Polarität, die sich zwischen Original und Spiegelbild bildet. Könnte es sein, daß wir in beiden Kulturzeiten wie Hälften eines Ganzen sehen können, die beide für sich genommen einseitig sind und der Ergänzung durch das jeweils andere bedürfen? Diese Erkenntnisse führten uns auf die richtige Spur und ließen uns einige spannende Entdeckungen machen.
Es wurde uns schnell klar, daß eines der wichtigsten Grundthemen im Bezug auf beide Zeiten das Verhältnis von Geist und Materie ist, sowie es im Grundsteinspruch des Jugendseminars lautet: Geist ist niemals ohne Materie, Materie niemals ohne Geist. Eine sich gegenseitig ergänzende und bedingende Spiegelung!

Die Reise selbst hat natürlich durch das Erleben der eindrucksvollen Bauwerke und die kenntnisreichen Erläuterungen von Bruno Sandkühler einige Klarheit hinzugewinnen lassen, denn für die meisten war es die erste Reise in dieses rätselhaft wunderbare Land.

 

Die Spiegelungen

I  //  Da wäre zunächst der äußere Blick auf den Umgang mit der Materie. Besonders fällt dies natürlich in der unterschiedlichen Gewichtung bei den Bauwerken der damaligen und heutigen Zeit auf. Während man in Ägypten großen Wert auf Exaktheit, Dauerhaftigkeit, Schönheit und Qualität beim Bau der Gräber und Tempel legte und dafür die Bauten für das tägliche Leben sehr einfach und auch wenig dauerhaft gestaltet waren, sind bei uns vor allem weltliche Bauten Ziel großer Investitionen. Banken und Verwaltungsgebäude imponieren durch ihre Größe und Raffinesse und auch die privaten Häuser sind nicht selten luxuriöse Villen oder zumindest kleine Burgen, für die nicht wenige Bürger viel aufzuwenden bereit sind. Für Gräber oder sakrale Bauten ist nur noch selten mehr als das nötige Engagement anzutreffen.
Damals wurden diese Bauten auch für die Dauer, ja für die Ewigkeit angelegt, heute ist alles sehr schnelllebig und kann nach relativ kurzer Zeit wieder abgerissen und geändert werden.

II  //  Der Lebensrhythmus damals (übrigens auf dem Land auch noch im heutigen Ägypten) war ganz an der Natur ausgerichtet. Zwei Hauptkonstanten gliedern den Tag und das Jahr. Der Sonnenlauf, der kaum Veränderungen im Jahr mit sich bringt und die Nilflut, um die herum das ganze Leben organisiert war. Der Mensch lebte mit und in den Rhythmen der Natur und diese bestimmten sein Leben. Anhand des neuen Assuan Staudammes kann man sehr schön sehen, wie heute vom Menschen aus die Natur gestaltet wird, so daß ihre Rhythmen nach unseren Bedürfnissen gerichtet werden können. Die mit dem Bau des Staudammes gewonnene Elektrizität hat den Lebens- und Arbeitsrhythmus in Ägypten radikal verändert.
Während man früher in allem Naturgeschehen den Willen einer höheren Natur spürte und verehrte, gewinnen wir heute aus Kräften, die unterhalb unserer Sinneswahrnehmung liegen, die Macht, die Natur in unserem Sinne zu beherrschen und zu verändern. Rudolf Steiner nennt deswegen Elektrizität und Magnetismus die Hauptkräfte einer Unternatur. Man kann darüber traurig sein, aber dadurch auch wunderbare Freiheitsmöglichkeiten entdecken. Die Frage wird wohl für die Zukunft sein, wie beide Ansätze in ein Gleichgewicht zu bringen sind. Wie bedingen sich Über- und Unternatur? Wie geben wir unserem Leben wieder einen kraftspendenden Rhythmus?
In Ägypten war alles auf Dauer und Kontinuität angelegt und es gab über mehrere Jahrtausende nur wenige Veränderungen auf allen Lebensgebieten. Heute leben wir in einer Zeit der rasanten Veränderung. Es scheint nur das Hier und Jetzt zu geben und kaum Verbindung zur Vergangenheit und Zukunft. Gleichzeitig können wir aber bei entsprechendem Interesse recht leicht die Kulturgeschichte der Menschheit überblicken.

III  //  Wenn wir als nächstes auf die sozialen Verhältnisse schauen, zeigt sich eine weitere Spiegelung. In Ägypten lebte man in einer starken hierarchischen Ordnung. Jeder hatte seine klare Stellung in der Gemeinschaft. Das ganze Leben war auch auf diese Harmonie innerhalb dieser Ordnung ausgerichtet. Oberstes Ideal war das Hören und Gehorchen auf das, was man von den Altvorderen an Traditionen überliefert bekam. Nur der Pharao durfte überhaupt etwas ändern. Man kann sagen, eine ganze Volksgemeinschaft diente einem fast göttlichen Individuum. Dieses wiederum sah sich im Dienste der Götter und daher auch in der Verantwortung, die ganze Gemeinschaft weise zu führen.
Heute baut die Gesellschaft immer mehr auf das Individuum. Immer mehr Menschen wollen nicht mehr einfach so Autoritäten anerkennen, sondern nach eigenem Verständnis handeln und leben.
Auch im Erkenntnisleben zeigen sich interessante Polaritäten: während man in Ägypten die Menschen allmählich aus einem wohl sehr starken Erleben sinnlicher Einzelheiten zu „abstrakteren“ Begriffen führte, leben wir heute sehr stark in Abstraktionen und müssen uns wieder energisch der Sinneserfahrung zuwenden. Man sieht es z.B. an den verschiedenen Schriften. Zwar ist die Hieroglyphenschrift keine Bilderschrift, aber sie stößt trotzdem regelmäßig an ihre Grenzen, wenn sie auch nur einen Bewegungsbegriff wie z.B. „Sonnenlauf“ ausdrücken möchte.
Heute treiben wir die Abstraktion soweit, daß unser Bildhunger an den Bildschirmen durch eine Programmierschrift, die nur noch aus Nullen und Einsen besteht, gestillt werden soll. An die Stelle von ruhigen zeichenhaften Bildern, die auf tiefe Bedeutungen hinweisen, tritt das bewegte Bild, das oft nur das profane Leben zum Gegenstand hat.

IV  //  Heute könnte im Prinzip jeder Mensch sich selbst ergreifen und sein eigener Pharao werden: Wie lerne ich, eigenständig zu denken und zu urteilen in irdischen und geistigen Angelegenheiten? Wie lerne ich, mit meinem Gefühls- und Triebleben umzugehen und werde dadurch gemeinschaftsfähig? Wie werde ich Herr meines Willens und gewinne Moralität, indem ich sage, was ich denke und tue, was ich sage? Wie lerne ich mich selbst zu führen? Das sind heute entscheidende Lebensfragen. Wo bin ich schon „Pharao“, wo noch einfaches „Volk“?
Wenn im antiken Ägypten jemand Pharao werden sollte, konnte er sich nicht einfach selbst dazu machen, sondern er wurde dazu erwählt. Es konnte passieren, daß bei einer der zahlreichen Prozessionen ein Gott anfing durch einen der Priester zu sprechen und dadurch ein Knabe zum nächsten Pharao bestimmt wurde, so ähnlich wie es auch heute noch in Tibet bei der Erwählung des Dalai Lamas ist.
Früher mußte ein neuer werdender Pharao sich strengen Schulungen unterwerfen, zu denen man ihn über viele Jahre in dafür geschaffenen Tempeln anhielt. Er mußte klares mathematisches Denken lernen, sein Gefühlsleben ausgleichen und einen gesunden Zugang zur Tatkraft finden. Er lernte die Verbindung zur geistigen Welt: Nach seiner Einweihung erschienen ihm in intimen Begegnungen die Götter in den Tempeln.
Heute kann sich jeder bewußt lebende Mensch selbst zur Entwicklung seiner höheren Fähigkeiten entschließen. Wir können im Prinzip alle logisch denken, auch wenn man den Eindruck gewinnen kann, daß dies allmählich wieder aus unserer Kultur verschwindet. Es besteht auch eine starke Notwendigkeit ähnliche Fähigkeiten wie die alten Pharaonen zu erwerben, wenn man Verantwortung tragen möchte. Jeder Manager weiß um die Wichtigkeit einer guten Führung, wenn er nicht seine Authentizität verlieren und von seinen Mitarbeitern bald nicht mehr ernst genommen werden will. Dazu gehört auch hohe Sozialkompetenz und das Motto: „Walk as you talk“. Sonst bleibt ihm nur noch das Mittel der Angst und der Unterdrückung. (Wie bei Echnaton!) Die Erwerbung solcher Führungsfähigkeiten findet heute nicht mehr in Tempeln, sondern mitten im Leben statt, wenn man sich auch immer wieder in rhythmischen Abständen dafür Besinnungsräume schaffen muß.

V  //  Pharaonen waren auch das verkörperte Leitbild einer ganzen Kultur und man fühlte ihre Autorität, weil sie eine klare und differenzierte Kommunikation mit der geistigen Welt pflegten. Diese geradezu wissenschaftliche und reiche Erkenntniswelt haben sie uns in den eindrucksvollen Pharaonengräbern hinterlassen. Heute können wir überall erkennen, daß es immer mehr Menschen nicht mehr genügt einfach an einen Gott zu glauben, der irgendwie jenseits der menschlichen Erkenntnisfähigkeit existiert und alles lenkt und ordnet. Wie können wir einen differenzierten Zugang zur geistigen Welt erlangen? Wie erfahren wir Wahrheit? Denn nur wenn uns das gelingt, können Menschen heute in heilsamer Weise zusammen wirken. Wie kommen wir zu unseren Leitbildern, die jede Gemeinschaft heute braucht? Die Identität einer ganzen Kultur wurde in Ägypten dadurch geschaffen, daß die Leitideen der Pharaonen im ganzen Reich bis in die physische Form gebracht wurden. Der Geist mußte sich also bis in die Form eines Gebäudes, eines Stuhles oder einer Kopfstütze inkarnieren. Die letztere hatte z.B. die Form eines Kuhgehörns und damit legte sich der Pharao in der Nacht in Hathors Schutzbereich. Eine fast perfekte „corporate identity“!
Der Geist erscheint uns zunächst nur noch in Form von abstrakten Begriffen. Die Gegenstände sind für uns heute alle zunächst geist-entfernt und wir müssen uns als erstes mühsam klar machen, daß zu jeder sinnlichen Erscheinung ein ursächlicher Begriff gehört. Dieser scheint nur ein Abstraktum zu sein. Nun ist es ein weiterer Schritt den Begriff als eine eigenständige Realität zu erleben und ahnen zu lernen, daß wir es dabei mit in sich selbst bestehenden Intelligenzwesen zu tun haben. Es ist also auch hier eine Umkehrungsaufgabe: Während die Pharaonen aus dem Geist-Erleben in die Formung der Materie gekommen sind und sich dadurch die Grundlage für ein abstraktes Denken erwarben, stehen wir vor der Aufgabe, aus der materiellen Form wieder zu Begriffsrealitäten aufzusteigen und dann weiter zu der Frage, woher diese eigentlich stammen.
In der ägyptischen Kultur war es eine Jahrtausende dauernde Kulturaufgabe, die Menschen zu befähigen, sich hier auf der Erde wirklich zu beheimaten, Interesse für die Sinneswelt zu wecken, Liebe zum Detail zu erüben. Dies kann man die Ausbildung des Teiles unserer Seele nennen, der für die Sinnesempfindung verantwortlich ist und daher von Rudolf Steiner kurz Empfindungsseele genannt wird. Unsere Aufgabe heute ist es hingegen, ein bewusstes Verhältnis zur Wahrheitswelt auszubilden. Dies ist eigentlich in der klassischen Naturwissenschaft auf schöne Weise veranlagt und muß in der gleichen lauteren Haltung heute für seelische und geistige Phänomene ausgebildet werden. Dieser Teil von uns wird Bewußtseinseele genannt.
Wir sind ja längst in unserem Alltag von Intelligenzwesen im materiellen Gewand umgeben, die wir meist nur nicht durchschauen. Dadurch treten immer mehr krankmachende Wirkungen auf. Ich meine damit z.B. die künstliche Intelligenz in all ihren Spielarten. Sie fordert unsere geistige Entwicklung heraus und braucht seelisch gesundende bewußte Gegengewichte.

VI  //  Eine moderne Gemeinschaft gelingt am Besten, wenn es nicht einen Führer gibt, der seine Gesetze den anderen diktiert, sondern wenn sich jeder aus seinem individuellen Erkennisvermögen den anstehenden Aufgaben hingibt, sie selbst einsieht und danach handelt. Während wir in Ägypten ein politisches System der Theokratie beobachten können, bei dem sich der Pharao als Mittler zwischen dem Willen der Götter und den Menschen verstand und das Bild der Pyramide dies eindrucksvoll stimmig vor uns hinstellt, ist die richtige politische Form für unser Zeitalter noch zu finden.
Die unglaublich exakten Bauwerke von damals kann man in ihrem Entstehen nur verstehen, wenn man sich vorstellt, daß die Gedanken des Pharaos praktisch ohne Schranken unmittelbar den Willen von Tausenden von Menschen ergriffen haben und diese ohne innere Zweifel an der Ausführung gearbeitet haben. Die Demokratie ist in unserer Zeit fast zu einer Karikatur degeneriert und es besteht daher die Gefahr, daß wir in alte pyramidale Verhältnisse zurückfallen. Sie ist ja auch eine Errungenschaft der griechisch- römischen Zeit und hat sich als Leitkultur im allgemeinen vielleicht überlebt.
Was wäre dann die richtige Form für unsere Zeit, die eine Spiegelung der ägyptischen sein müßte? Einmal kann man sagen die umgekehrte Pyramide, d.h. die Führung muß von jedem Individuum aus gehen. Aber wie sollte da ein Gemeinschaftsleben möglich sein? Deshalb brauchen wir eine Art Kosmokratie, die man vielleicht so beschreiben könnte: Während Ägypten sich fast ausschließlich auf sich selbst gestützt hat in seiner Hochblüte und Reisen ins Ausland etwas sehr besonderes waren (Siehe Reliefs am Tempel der Hatschepsut), leben wir heute in einem wachsenden Globalbewußtsein.
Es wächst uns die Aufgabe und Zumutung zu, unseren eigenen Platz, unsere Aufgaben, die wir ergreifen wollen, von den Notwendigkeiten und Bedürfnissen der ganzen Erde und Menschheit her zu bestimmen und zu ergreifen. Wir müssen also wie aus dem All heraus auf unseren Heimatplaneten schauen und ihn in seiner einmaligen Schönheit erkennen und entsprechend damit umgehen lernen. Die Technik dazu ist im letzten Jahrhundert entstanden, nur wir können damit noch nicht genügend umgehen.

VII  //  Wir können und müssen nun dreierlei lernen: Erstens ist die Pyramide immer noch das richtige Bild, wenn es um Erkenntnisfragen oder den Geist geht, denn da herrscht eine hierarchische Ordnung. Zweitens – bedenkend, daß der griechische Tempel das Bild der Demokratie ist, der von vielen Säulen auf gleicher Höhe getragen wird – ist die Demokratie nach wie vor die richtige Form, wenn es um zwischenmenschliche und Rechtsfragen geht, denn da braucht es den kultivierten Dialog. Drittens müssen wir anerkennen, daß das Wirtschaftsleben schon längst die ganze Erde und Menschheit nutzt und einspannt und daher die Kosmokratie (Kosmos: gr. Glanz, Schönheit, Ordnung!) die überlebensnotwendige Form für unsere Zeit sein könnte, denn sie braucht am Kosmos orientierte Leitbilder, in welcher Weise wir die Erde gestalten wollen.
Vielleicht ist das erste Goetheanum in seiner Doppelkuppelgestalt dafür ein architektonisches Bild. Hier ist in der großen Kuppel die Menschheit, die sich ihrer Herkunft und Entwicklung bewußt werden kann und in der kleinen Kuppel sind die Repräsentanten der Tierkreiskräfte in zwölf Säulen anwesend. Dazwischen findet Wort und Kunst ihren Platz, die Vereinigung der nachdenkenden und vordenkenden Kräfte, oder die Versöhnung von Abel und Kain.
Die Ägypter sahen als den Hauptinspirator ihrer Kulturart Hermes Tresmegistos, den dreimächtigen Hermes. Für unser Zeitalter gilt Michael ( übersetzt: wer will werden wie Gott?) als der bestimmende Zeitgeist. Es handelt sich wohl um die gleiche Wesenheit, allerdings in sehr verschiedener Wirkungsart: Während in Ägypten das Mitwirken und Eingreifen der Götter an jeder Stelle zu beobachten ist („Dies ließ Gott durch mich geschehen“, sagten die meisten Pharaonen) und eine gewisse Selbstverständlichkeit hat, auch wenn die Menschen es nicht unbedingt wollen, ist es in unserer Zeit notwendig sich aus eigenem Willen zu den guten Zeitgeistern zu erheben. Aus der Ohnmacht und Mutlosigkeit heraus müssen wir lernen, den ersten Schritt trotzdem selber zu versuchen, wenn wir auf Unterstützung hoffen wollen. Heute wäre es wohl auch an der Zeit, diese drei oben genannten Grundprinzipien in der rechten Art für die Hauptgebiete des menschlichen Seins anzuwenden und in ein dynamisches Wechselspiel zu bringen. Wenn für die ägyptische Kultur die Dauer (altägyptisch: Djed) und die Plastik die innere Grundstimmung war, so ist es heute die komplexe Veränderlichkeit oder die Musik. Ordnung in Bewegung und Entwicklung müssen uns leiten.

 

Gefahren und Chancen

Ein Fazit könnte sein: wenn wir nicht wach die aus den Tiefen unserer Seele aufsteigenden Wiederhohlungsbedürfnisse der damaligen Zeit ergreifen, drohen sie in das Gegenteil und damit in eine zerstörerische Wirkung abzurutschen. Was in der ägyptischen Epoche noch gesund und richtig war, kann dadurch, daß es einfach nur wiederholt wird, völlig das Gegenteil bewirken. Gerade in vielen technischen Errungenschaften der letzten Jahre werden solche halbbewußten Bedürfnisse angesprochen und bekommen dadurch verführende Wirkung. Eigentlich sind wir heute in der Lage tiefe inhaltsvolle Bilder aufzubauen, die man Imaginationen nennen kann. Diese können auch in Bewegung kommen und sich vernetzten. Dadurch können sie inspirativ werden und anfangen tiefere Zusammenhänge der Welt auszusprechen. Sie werden dadurch zu Wegweisern zu neuen Wesensbegegnungen und wir können dadurch den Durchblick in die Hintergründe des Weltgeschehens erlangen. Dies sind konkrete Einweihungsschritte, zu denen wir, wenn auch in bescheidenem Maße, aber real in der Lage sind. Wir können heute durch innere Entwicklung, ähnlich wie die Pharaonen einen Zugang zum „Äthernet“ und damit u.a. zum Menschheitsgedächtnis gewinnen.

Wenn wir aber unser Bewußtsein nur von außen durch Bilder füllen und füttern lassen, erleben wir, daß zuerst unser Gedächtnis leidet, dann unser Denkvermögen und schließlich der Willen gelähmt wird. Dann bleiben statt lebendiger Imaginationen nur Icons und Apps übrig. Vielleicht entsteht gerade daraus das Bedürfnis nach starken Führern, die uns die Welt in einfachen Erklärungen zurecht rücken und die Verantwortung übernehmen.

Wenn wir uns nicht bewußt an Ägypten spiegeln und dadurch einen Schritt weiter gehen, rutschen wir immer tiefer in eine degenerierte Form der Empfindungsseele ab, mit verheerenden Auswirkungen, wie gerade Mitteleuropa es in der Zeit des Nationalsozialismus erlebt hat.

Bitte verstehen Sie diese Zeilen nicht als Verteufelung der neuen technischen Möglichkeiten. Es geht mir vielmehr darum, darauf hinzuweisen, daß wir damit einen bewussten Umgang erüben müssen, wenn wir nicht nur Herr unserer selbst bleiben, sondern die in uns schlummernden geistigen Potenziale entwickeln wollen. Die Menschen, die an der technischen Entwicklung beteiligt sind, entwickeln ihr Bewußtsein jedenfalls rasant, wenn auch einseitig. Gefahr für die Degeneration und Rückentwicklung in eine sinnentleerte Seelenhaltung besteht vor allem durch unbewußten Konsum. Wenn wir unsere eigenen geistigen Fähigkeiten in Denken, Fühlen und Handeln bewußt pflegen, können wir die Technik nutzen, ohne ihr zu verfallen. Wir werden dann auch unterscheiden können, wo sie sinnvoll einsetzbar ist und wo nicht. (Nicht ohne Grund schicken z.B. die Spitzenentwickler im Silicon Valley ihre Kinder in computerfreie Waldorfschulen!).

Wie die Ägypter den Geist in die Materie geführt haben, können wir die Materie wieder zum Geist und damit in einen sinnvollen Zusammenhang heben. Wir können und müssen den Nationalismus (Ägypten= erster Einheitsstaat der Menschheit!) und die Sehnsucht nach starken Führern überwinden, wenn wir den Sonnengott in unserem Inneren als Menschheitsführer entdecken und mit ihm ins Gespräch kommen! Wir können durch die Spiritualisierung des Denkens wieder einen differenzierten Zugang zur komplexen geistigen Welt gewinnen und daraus schöpferisch tätig werden.