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Urbilder und Kontraste

aus der Reihe "Ägypten Spezial"
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von Fiona Henze //

Alles Leben geht vom Nil aus. Wie eine schmale Lebensader zieht er sich durch die Wüste, ein blauschillerndes Band inmitten der staubig Trockenheit. An seinen Rändern ein Hauch von grün, breiter werdend zum Delta hin. In diesem schmalen Streifen Land, der sich durch ganz Ägypten an den Flussufern des Nils entlang bis zum Mittelmeer zieht, dort entstand vor 5000 Jahren eine Hochkultur.

Schauen wir genauer hin. Jedes Jahr überschwemmte die Nilflut die angrenzenden Felder mit fruchtbarem Schlamm. Jedes Jahr gab es Menschen die dort Ackerbau betrieben, die kleinen Felder bepflanzten, bewässerten, das reife Korn schnitten und droschen. Weiße Reiher, die in gefluteten Feldern standen, Ochsen, die den Pflug zogen prägten das Bild. Ein schmales Stück Erde, so lange Zeit von Menschenhand bearbeitet.

Wendet man den Kopf vom Nil weg, erblickt man auf beiden Flussseiten die Wüste. Heiße, saugender Kalk. Da kann Leben nicht sein, jedenfalls kein äußeres Leben. Man bestattete dort die Pharaonen. Hier herrscht Stille, ein Schweigen, das laut wird, wenn man zu lange zuhört. Hier ist diese Welt erst einmal zu ende und es beginnt eine andere, ein Leben in der Stille, das für die alten Ägypter ganz real war. Die Wüste klammert den Nil ein, hält das Leben zusammen, konzentriert es, bündelt es zu reiner, existentieller Intensität. Das Leben erscheint erst richtig lebendig, neben der lebensfeindlichen Wüste.

Wie lebt man dort, wo das Leben dem Nichtleben gegenübersteht? Wo die Sonne tags vom wolkenlosen Himmel herunterbrennt und nachts die Sterne im Schwarz ihre Ewigkeit stehen? Wo Wüste an fruchtbares Ackerland grenzt? Man wacht auf. Man wacht auf für das, was Leben ist. Für die Kraft des Wassers, die Kraft der Sonne, des Windes, der Erde. Man erlebt im Extrem der Gegensätze wie die Dinge wirklich sind. Es sind die Qualitäten der Welt, die im Kontrast laut und sichtbar werden.

Das besondere an Ägypten ist, dass die Kräfte der Natur in einer unglaublichen Reinheit und Klarheit erscheinen. Das Kornfeld ist so eindeutig Kornfeld, wie man es aus Deutschland nicht kennt, wo Leben und Tod viel gemischter erscheinen. Ganz anders ist es in Ägypten: Wie der Wind die Ähren bewegt ist so eindeutig und in seiner Schlichtheit dennoch so vollkommen, dass es tief berührt. Wie der Himmel sich beugt, so als würde er schon direkt über den Palmenblättern beginnen, das ist der Himmel. Die Welt erscheint typisch. Man steht inmitten all dessen und fühlt zugleich Vertrautheit und Fremdsein. Man ist merkwürdig angesprochen, angerührt durch die Eindeutigkeit der Natur. Es sind Bilder, die berührt werden, ganz tief im eigenen Innern. Urbilder, die jeder in sich trägt und die durch das Leben in Resonanz versetzt werden.

Ägypten zeigt seine Urbilder deutlich und rein. Sie sind dort nicht in Vielfalt, Abstufungen und Übergängen verblichen und unkenntlich geworden, sondern erscheinen in ihrer schlichten Eindeutigkeit. Wenn man die Mythen, Hieroglyphen und Abbildungen in den Tempeln betrachtet und gleichzeitig die eigenen Erlebnisse in der Natur und Geographie des Landes miteinbezieht, kann man zu einem tieferen Verständnis der altägyptischen Kultur kommen.