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Wie die Anthroposophie mein Leben bunter macht

Was ist die Anthroposophie? Mein ersten Berührungen mit einer neuen Denk- und Lebensweise. Und wie sie mein Leben verändert hat.
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Von Romy Berner //

Ich kam ohne jegliches Wissen von der Anthroposophie an das Jugendseminar. Ich hatte zwar schon von Waldorfschulen gehört, aber nie einen einzigen Berührungspunkt damit gehabt. 12 Jahre Staatsschule, ein intensiver Bundes-Freiwilligendienst und ein erfolgreicher Studienabbruch nach zwei Semestern haben den Weg für etwas Neues geebnet.
Nun bin ich in meinem zweiten Trimester, sprich schon fünf Monate, am Seminar und langsam erwacht in mir der Verdacht, dass ich Teile der Anthroposophie eigentlich schon länger kenne. In mir schlummert schon lange eine Sehnsucht nach Menschlichkeit, nach „Verstanden werden“, nach einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen, der Natur und des ganzen Universums. Ich will wissen, warum ich auf dieser Welt bin und was ich tun kann, um mein Leben zu gestalten. Mein innerster Wunsch ist es, in meinem Handeln einen Sinn zu finden.

Mir ist das alles andere als gleichgültig, wie wir Menschen miteinander umgehen, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt, wie alle soziale Interaktion immer distanzierter und kurzlebiger wird. Weiter stelle ich in Frage, wohin das führt, wenn wir die Erde ausbeuten und für unsere Interessen benutzen und wohin das führt, wenn wir durch den globalen Kapitalismus sowohl die Menschen als auch die Umwelt aussaugen und kaputt machen?
Darauf braucht es dringlich Antworten, wenn wir diese Erde erhalten und unser Miteinander wieder ehrlich sozial gestalten wollen.
Das ist für mich die ganz pragmatische Seite der Anthroposophie – aufrichtig soziales, ökologisches und nachhaltiges Denken und Handeln aus Freiheit!
Die andere Seite bezieht sich eher auf eine Innerlichkeit, das heißt, dass ich Fragen in mir trage, nach meinen Gefühlen und Gedanken, nach meiner Wahrnehmung und meinem Interagieren, nach meinem Willen, meiner Unlust, meiner Traurigkeit und meiner Freude. Ich habe lange gedacht, dass Vieles davon fehl am Platz ist, keine Berechtigung hat, dass ich einfach funktionieren muss, dass der Mensch eben so ist, wie er ist, dass ich einfach weitermachen sollte wie bisher.
Aber ohne Antworten habe ich mich nicht zufriedenstellen können. Meine Seele und mein Körper, erst viel später mein Verstand, haben mich aufgeweckt, mich selbst ernst zu nehmen, mein ICH ernst zu nehmen.

Zeit zum Lernen

So bin ich am Jugendseminar gelandet und habe die Anthroposophie kennen lernen dürfen. Das ist für mich ein wertvoller Lebensschatz, spüren zu können, dass ich mit meinen Fragen ernst genommen werde. Die schönste Erfahrung, die ich in meinem ersten Trimester gemacht habe und die mir jeder ehemaliger Waldorfschüler unserer Seminaristen vor Augen führt, ist, dass ich endlich Zeit für das Lernen habe. Mir fällt das nach wie vor schwer, mir diese Zeit auch selbst zu geben, einzusehen, dass Lernen ein Prozess ist, einzusehen, dass ich nicht an einem Tag alles verändern kann. Wenn man immer unter Zeit- und Leistungsdruck gelernt und gearbeitet hat, dann ist das eine ganz neue Qualität. Neben der Tatsache, dass wir Zeit zum Lernen bekommen, ist auch maßgeblich der Inhalt unseres Zusammenarbeitens entscheidend.

Die ganzen künstlerischen Tätigkeiten, die wir hier machen – vom Tanzen, Malen bis zum Schauspiel – alles schenkt mir eine ungemein große Lust am Arbeiten, Lernen und an der Auseinandersetzung mit mir selbst. Was an der staatlichen Schule für mich für zwei bis vier Wochenstunden angeboten wurde, ist hier Bestandteil jeder Arbeit. In jedem Prozess im Seminar steckt Kunst. Ich behaupte, dass jeder Mensch Durst nach Kunst hat und nach Verwirklichung des eigenen freiheitlichen Denkens. Kunst ist ebenso immer Ausdruck des eigenen Seelenlebens. Darum kann es auch so unglaublich hilfreich und heilsam wirken, wenn man die Orientierung für sich selbst verloren hat.
Was mich jedoch sehr häufig hier stört, ist die Arbeitshaltung vieler Seminaristen – so ehrlich muss ich an dieser Stelle auch sein –, die Motivation und Einsatzbereitschaft lassen oft zu wünschen übrig. Ich finde das unglaublich schade, weil ich viel lieber noch mehr mitnehmen und mehr gestalten würde. Aber eventuell gehört das auch zu einem sozialen Lernprozess: Trotz aller Schwierigkeiten und persönlichen Differenzen die Zusammenarbeit weiter betreiben. Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich die Anthroposophie aus diesen zwei Betrachtungsweisen als zwanglos, liebend und Sinn stiftend empfinde.

Unsere Zukunft soll bunt werden!

Jedoch gibt es auch hinter manchen Dingen für mich noch ein großes Fragezeichen. Ich kann nicht alles, was Rudolf Steiner gesagt und aufgeschrieben hat, nachvollziehen. Ich kann nicht alles verstehen, nicht alles für mich mitnehmen. Die Themen Reinkarnation und Wiedergeburt beispielsweise sind für mich nicht zu greifen. Trotzdem ist es spannend, auch über solche Themen zu diskutieren und einen anderen Blickwinkel auf die Dinge zu bekommen.
Ich bin sehr froh, hier am Jugendseminar diese ganzen Erfahrungen zu machen und die Anthroposophie kennenzulernen.
Ich wünsche mir von Herzen, dass sich viele junge Menschen aufmachen, sich selbst und die Welt besser kennenzulernen, dass sie sich aufmachen, um etwas zu bewegen, in sich selbst und in der Welt. Unsere Zukunft sollte bunt werden!