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Rückblick auf das Ehemaligentreffen

1. - 3. März
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Von Sandro //

Ich bin erfüllt, hoffnungsvoll, zuversichtlich, von Idealen geleitet, die in der Ferne klar, wie die Sterne leuchtend mir den Weg weisen und bin getrieben von einem Willen zur Veränderung, einem Tatendrang, eine bessere Welt mit zu schaffen. 

Jedoch drängt sich gleichzeitig eine dunkle Ahnung, eine Beklemmung in diese lichtvolle Stimmung. Ich werde an einen Ort gehen, an dem ich nicht mehr umgeben bin, von den hier lebenden Rhythmen, Fragen, Menschen und Ideen. Schaffe ich es dennoch, aus mir heraus diese Haltung zum Leben und zu mir beizubehalten? Oder werde ich erdrückt von den „in der normalen Realität” herrschenden Gewohnheiten, Gedanken, Verhaltensweisen, von denen ich mich doch gerade erst gelöst zu haben scheine? Dies ist die Stimmung, mit der ich und auch viele andere das Jugendseminar verlassen.

Das Ehemaligentreffen ist eine Möglichkeit für diejenigen, die danach dürsten, die im Jugendseminar erlangten Impulse und Ideen immer wieder aufs Neue aufzufrischen, zu pflegen und zu erweitern.

Demnach kommen alle drei bis vier Monate ehemalige JugendseminaristInnen in Stuttgart zusammen.

Ein Wochenende gemeinsam künstlerisch-geistig arbeiten

Wir treffen uns am Freitagabend, um gemeinsam zu essen und uns darüber auszutauschen, wo wir herkommen und was uns beschäftigt, um uns aufeinander einzustimmen. Im Anschluss lesen wir den Text, an dem wir über das Wochenende arbeiten wollen. In diesem Fall lesen wir „Die menschliche Seelenverfassung vor dem Anbruch des Michael-Zeitalters“ (2. Michaelbrief) von Rudolf Steiner.

Am nächsten Morgen wird sich gestreckt und bewegt, geklatscht und getrampelt, gesungen und gespielt, um möglichst frisch in die Textarbeit einzusteigen. 

Über den Tag haben wir vier eineinhalbstündige Einheiten, mit dazwischen liegenden Pausen.

Absatz für Absatz erschließen wir uns den Michaelbrief. Hin und wieder arbeiten wir an einer der Zwölf Stimmungen des Tierkreises und zwischendurch singen wir das eine oder andere Lied.

Der Samstag ist zu Ende und am Sonntagmorgen beobachten wir den Magnolienbaum vor dem Seminarhaus, um von der reinen physischen Wahrnehmung zur Wahrnehmung des Lebendigen, Prozesshaften des Baumes zu gelangen.

Im Anschluss runden wir bis zum Mittag den am Vortag begonnenen Arbeitsprozess mit einer knappen Zusammenfassung jedes einzelnen Absatzes des Michaelbriefes ab.

„Sie müssen eine Sonne werden.“

In Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“ taucht dieser Satz auf und gleichzeitig ist er das Motiv, welches den 2. Michaelbrief durchzieht. Schon Dostojewski erkannte zu seiner Zeit, dass, wenn das Herz abgeschaltet und an seine Stelle eine abstrakte Theorie gesetzt wird, Leid und Unmenschlichkeit die Folgen sind. 

In dem Michaelbrief wird der Abstieg in das rein materielle Denken als Verlust einer zuvor da gewesenen Geistigkeit beschrieben. Zeitgleich, so Steiner, bildet sich paradoxerweise jedoch durch die genaue sachliche Beobachtung, wie sie in den Naturwissenschaften gepflegt wird, eine unbewusste gereinigte Geistigkeit im Menschen. Diese Tatsache beinhaltet zugleich den Keim der Freiheit, da die Menschen in die Lage versetzt werden, sich durch eigene Beobachtung und ihr eigenes aktives Denken, sich die Gesetze der Welt zu erschließen. 

„Der Verlust sei Gewinn für sich“. Dies ist der paradoxe letzte Satz der Fische-Stimmung, mit der wir uns beschäftigten. Erstaunlicherweise gingen der Inhalt der Stimmung und der des Briefes Hand in Hand.

Der Schritt, der heute notwendig ist, damit wir nicht bei der kalten materiellen Anschauung der Welt stehen bleiben, bedeutet also seinen Blick nach innen zu richten und unser Gedanken- und Gefühlsleben mit der gleichen gereinigten Klarheit zu beleuchten wie der Naturwissenschaftler die Materie. 

Dies ist die Sonnenqualität, die wir in uns auszubilden haben, um unser eigenes Wesen mit all seinen Facetten beleuchten zu lernen.

Frucht

Am Anfang jedes Treffens, wenn wir gemeinsam den Text lesen, habe ich leblose Worte und Sätze vor mir. Ich verstehe die Wörter und meine auch den ein oder anderen Satz begriffen zu haben.. Durch den Austausch und das Schleifen der Begriffe beginnen die in dem Text liegenden Gedanken in mir lebendig zu werden, ich erlebe die Bewegungen, die die Gedanken durchweben und entdecke Zusammenhänge. Nicht nur Zusammenhänge, die in dem Text liegen, sondern Zusammenhänge, in denen ich mich bewege.

Ich nehme mir vor, meinen Blick zu schulen und jeden Tag die Dinge, die mir entgegenkommen, genau zu beobachten. Auch will ich den gleichen Blick nach innen pflegen und aufmerksam und klar meine inneren Welten sehen lernen.

Nur durch die Art und Weise, wie wir arbeiten, ziehen die inneren Wolken vorüber und eröffnen die Sicht nach oben. Mein Blick ist schärfer, meine Gedanken klarer und die Sterne in der Ferne leuchten mir mit fröhlicher Ruhe meinen Weg.