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Interview mit Michaela Glöckler

Kinder- und Jugendärztin
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Seit wie vielen Jahren sind Sie Morgenkursdozentin im Jugendseminar?

Gefühlt schon seit über 40 Jahren.

Was haben Sie über die Begründung vom Jugendseminar erlebt? Wie haben Sie (oder Ihre Familie) den Moment gespürt? Wie war die Stimmung damals?

Ich habe mich damals sehr gefreut, dabei zu sein, weil ich von der 9. bis 13. Klasse in den Jahren 1961 – 1966 begeisterte Besucherin des Berufsorientierungskurses an der Stuttgarter Waldorfschule war. Engagierte Vertreter der verschiedenen Berufe haben dort aus ihrer Arbeit erzählt und morgens wurde der anthroposophische Entwicklungsgedanke über Welt, Erde und Mensch von dem Arzt und Autor Walther Bühler in einer Weise dargestellt, dass man spürte: genauso ist es – das betrifft dich auch. Ich habe also fünf Wochen insgesamt „Jugendseminar in a nutshell“ erlebt. Die Stimmung unter den TeilnehmerInnen war super. Auch, das Eurythmie Machen war endlich mal ungestört durch Disziplinprobleme, die es einem in der Schule manchmal vergraust haben.

Wie haben Sie die Entwicklung vom Jugendseminar erlebt?

In einem steten Wandel – weil ja die verantwortlichen Menschen und Teilnehmenden immer wieder andere sind. Es war für mich immer ein Blick in „die Zeit, in der wir leben. Wenn Drogenabhängige dabei sind oder an Depression erkrankte oder orientierungslose junge Menschen, gestaltet sich ein Kurs völlig anders, als wenn man mit suchenden Menschen spricht, die schon motiviert sind, im Leben etwas bewegen zu wollen. Als Ärztin war mir aber alles gleich kostbar – denn wenn man helfen will, begegnet man jedem Menschen mit der gleichen Unvoreingenommenheit und freut sich, wenn ein neuer Schritt gelingt – ganz gleich von welchem Ausgangspunkt aus.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie am Jugendseminar sind? Was nehmen Sie mit, wenn Sie eine Zeit hier verbringen?

Ich fühle mich dort sehr zu Hause! Ich nehme Freude und Dankbarkeit mit für die schönen und so verschiedenen Begegnungen. Auch ist es für mich ein Geschenk, dass Marco Bindelli mir neue Lieder beibringt, weil ich eine begeisterte Amateur-Sängerin bin.

In Ihrer Meinung, was bringt das Jugendseminar in die Welt?  Und was war der Grundgedanke bei der Begründung? Was hat diese Menschen dazu bewegt, das Jugendseminar zu gründen?

Das Jugendseminar ist ein Arbeitsimpuls, den es eigentlich in jeder Stadt geben müsste. Das öffentliche Schulwesen lässt durch die täglichen Anforderungen viel zu wenig bis keinen Raum, indem sich junge Leute überlegen und miteinander beraten können, wozu dieses Leben überhaupt taugt und da ist. Das Leben ist doch nicht einfach von selber schön und gut – es gibt so viel Leid und sinnlose Zerstörungswut und Hass auf der Welt, dass man sich manchmal nur wünscht, verschwinden zu können – aber wohin? „Nach innen führt der geheimnisvolle Weg“ – „in uns ist die Ewigkeiten mit ihren Welten, sagt Novalis.

Wie findet man aber diesen geheimnisvollen Weg – den noch dazu jeder selber, alleine, finden und gehen muss? Wie lernt man, sich eine sinnlich und geistig befriedigende Weltsicht aufzubauen, die einen lebensfroh und tüchtig macht? Wie gelingt es, den inneren Wesenskern zum Erlebnis zu bringen und das Vertrauen in die Sinnhaftigkeit dieser gigantischen Evolution zu empfinden? Wodurch wird man motiviert, daran teilzunehmen und gerade in dieser Teilnahme und Teilhabe sein Menschentum lieben zu lernen? Da braucht es einen Ort, wo das – wenigstens ein kostbares Jahr lang – im Vordergrund stehen darf!

Deshalb wünsche ich jedem Jugendlichen zwischen Schulzeit und Berufsausbildung oder auch später ein Jahr Selbstfindungszeit. Danach geht alles umso schneller und zielgerichteter – es ist keine verlorene Zeit! Ja, mehr noch: man geht gestärkt und mit Freundschaften zu Mit-SeminaristInnen aus aller Welt seinen Weg weiter.