Einmal im Jahr haben wir SeminaristInnen die Möglichkeit, eine selbstorganisierte Reise nach Dornach zu machen, um uns dort das Goetheanum sowie das Archiv und die Nachlässe von Rudolf Steiner anzuschauen. Ich selbst war noch nie dort, lernte den Ort jedoch sehr schnell schätzen.
Wir sind alle zusammen mit dem Zug angereist und kamen Donnerstagabend mit Sack und Pack in der Jugendsektion in Dornach an. Wir wurden freudig aufgenommen und schnell ging das Treiben los. Die einen kochten, andere spielten Gitarre, Zimmer wurden bezogen und Klaviermusik begleitete uns den ganzen Abend. Es war ein schöner Abend und man konnte sich zusammen auf die nächsten Tage miteinander einstimmen.
Am nächsten Morgen haben wir, angeführt von Marco und mit Vesper bepackt, unseren nicht sehr weiten Weg zum Goetheanum beschritten. Unser erster Halt war am Fuße des Hügels, auf dem das Goetheanum steht, eine Gehminute von der Jugendsektion entfernt.
Was zeigt sich uns von dieser Perspektive am Anfang des von Steiner gegebenen Weges?
Wie wirkt es auf uns?
Was kommt uns in den Sinn, wenn wir es sehen?
Mit einem ersten Gefühl schlenderten wir weiter den Weg hinauf, bis wir eine kleine Mauer bemerkten, die immer höher wurde und uns zu einer kleinen Bank führte. Diese Bank ist eins meiner persönlichen Highlights der Dornachreise. Nicht nur schmiegt sie sich wunderschön in die Natur ein, sondern bietet einem einen wunderbaren Ort der Ruhe und einen Blick über Dornach und die Natur. Diese Bank soll wohl auch Steiner sehr zu schätzen gewusst haben. Oben angekommen, bekommen wir einen ganz anderen Blick auf das Goetheanum. Es wirkt mächtiger, je näher man ihm kommt, und man kann die Architektur ganz anders wahrnehmen und erkennen. Weiche Kannten, Bögen, Säulen, Symmetrie, Beton und eine eindrückliche Fensterfront. So groß und vielleicht auch kühl, wie das Goetheanum von außen wirken mag, so warm und einladend ist es, sobald man durch die großen Türen eintritt. Jede Ebene hat ihre besondere Qualität.
Man könnte sagen, es startet unten im Physischen; warmes Licht und eher dunkel.
Über Treppen, die wie ein Helix rechts und links nach oben verlaufen, gelangt man auf die mittlere Ebene. Helles Licht strömt durch die Fenster hinein, alles wirkt offen und frei. Wir sind eindeutig auf der seelischen Ebene angelangt. Als wir den Treppen weiter nach oben folgten, kamen wir auf die dritte Ebene, die Geistige. Dort erwartete uns der Eingang zum großen Saal und das rote Fenster, welches nur von innen sichtbar wird, wenn das Licht einstrahlt. Was mir besonders eindrücklich in Erinnerung blieb, ist die wunderbare Akustik. Wir sangen dort oben vor dem roten Fenster und es hat durch das ganze Goetheanum getönt.
Auf der dritten Ebene ist der Eingang zum großen Saal, welchen man, von seiner Lage gesehen, als eine Art Herzstück des Goetheanums bezeichnen kann. Zu diesem Herzstück gehört natürlich auch der Menschheitsrepräsentant, welcher über dem großen Saal präsentiert, in seiner unvollkommenen Vollkommenheit anzusehen ist.
Dank Walter Kugler hatten wir die Möglichkeit, tief in das Steiner Archiv einzutauchen. Wir konnten seine originalen Schriftstücke und Briefe ansehen, seine Büchersammlung begutachtet, echten Archivforschern bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen und waren gar nicht mehr zu bremsen, mit all unseren Fragen.
Einen Abend konnten wir zusammen mit der Jugendsektion verbringen und hatten ein tolles Gespräch mit Nathaniel, dem Leiter der Sektion. Wir haben im Gespräch mehr über die Intentionen und Hintergründe der Sektion erfahren und neue Bänder haben sich geknüpft. Am Samstag gab es einen Improtheater und Sprachgestaltungs Workshop für alle, die wollten, mit Übungen und Spielen. Es war super schön und hat sehr viel Freude gemacht.
Die Reise hat uns als Seminar gestärkt und auch jedem individuell gutgetan. Mich persönlich begeisterte die friedsame und doch sehr starke gebündelte Kraft, die an diesem Ort lebt und einem ein besonderes Gefühl vermittelt.
Ich kann die Reise allen nur ans Herz legen!