Von Laurin //
Jeden Morgen offenbarte sich uns dasselbe Schauspiel: Die wenigen Bananen, die uns durch das Frühstücksteam beschert wurden, waren stets zu knapp bemessen, die Begehrenden aber zahlreich. Einige Seelen, wach und mit klarem Astralleib, erhoben sich früh aus den Schlafgemächern, um von der himmlischen Frucht kosten zu können. Andere wiederum nahmen ihr schweres Schicksal hin und fanden sich nur mit dem Rest der irdischen Speisen ab. Und so wurde das Mangelhafte zur Prüfung, das Warten zur Meditation über das Sein.
Doch eines scheinbar zufälligen Morgens, es muss bereits gegen Ende der Woche gewesen sein, erschien uns der Frühstückstisch bis über alle Maßen befüllt mit überaus großen, goldenen Bananen. Dem ehrenwerten Viggo war es während seines gestrigen Einkaufes in Haus & Garten gelungen, all seine verfügbaren Mittel zu mobilisieren und jede einzelne Banane der ganzen Stadt zu finden, um sie hier zu uns zu bringen. Der Tisch, solange ein Ort der Entbehrung, ward nun ein Schlaraffenland der Tropenfrucht!
Das Dilemma, so erschien es uns, war nach all dieser schweren Zeit jetzt endlich gelöst. Doch hier sollte diese Geschichte nicht enden, sondern sich das Dilemma erst ins Übermaß steigern. Durch eine Seele, die sich Soju nannte, entfaltete sich vor unserem Anschauen ein Geschehen, welches sich uns, durch die Eindrücklichkeit seines Wesens in unseren Geist eingeprägt, für lange Zeit als gegenwärtige Erinnerung erhalten sollte. Er begann damit, wie an jedem anderen Morgen, eine Banane in sein Müsli zu schneiden. Nur wenige Sekunden später allerdings, das erste Müsli war bereits seinem Magen zum Opfer gefallen, folgte bereits eine zweite Frucht. Was sich dann vollzog, entfaltete sich in einer solchen Steigerung der Ereignisdichte, dass den Umstehenden das gewöhnliche Zeitmaß entglitt. In immer schnelleren Handbewegungen wurden sich Bananen einverleibt, der Haufen an Bananenschalen abseits des Geschehens wuchs auf eine Größe an, die mindestens der eines Kleinwagens entsprach. Irgendwann war die Zeit des Frühstücks vorüber und dem Schauspiel wurde durch energisches Einschreiten des Abräumdienstes ein Ende bereitet. Das Dilemma der Bananen allerdings wird uns wahrscheinlich noch für lange Zeit begleiten.