Von Marla //
Als wir nun in das 3. Trimester kamen, stand auf einmal das Projekt vor der Tür. Für alle, die nicht tief im Seminar verankert sind: kurze Erklärung, das Projekt ist immer im 3. Trimester dran und man hat die Möglichkeit, etwas frei aus sich heraus zu gestalten. Das kann alles sein, ein bereits vorhandenes oder selbst kreiertes Theaterstück, eine Ausstellung oder ein Bauprojekt. Mit all den Möglichkeiten waren wir, das damalige dritte Trimester, dann auch beschenkt oder geplagt, je nachdem, wie man es sieht. Es war kein einfacher Prozess, herauszufinden, was wir eigentlich zeigen wollen. Was wollen wir zum Ausdruck bringen? Und wie schaffen wir das, ohne, dass es total oberflächlich wird? Nach ein paar Wochen Brainstorming und den wildesten Ideen konnten wir eine Gemeinsamkeit feststellen: Trommelwirbel – die Theosophie. Eine erste Erleichterung stellte sich ein: Endlich etwas, an dem wir uns orientieren konnten. Doch dann das nächste große Fragezeichen: Wie wollen wir all das, was uns bewegt und interessiert, in eine Art der Performance packen? Ideen wie den Raum in vier Fragmente teilen und in jedem begegnet man einem Wesensglied (wieder kurze Erklärung: das wären in unserem Fall Leib, Lebensleib, Seele, Ich und Geist gewesen). Denn genau um jene geht es, einfach gesagt, oft in der Theosophie, und darum, sie kennen, wahrnehmen und verstehen zu lernen. Da das manchmal ganz schön viel und verwirrend sein kann und wir gerne etwas gestalten wollten, was hilft, das Ganze zu verstehen, haben wir beschlossen, sie anhand von Rollen darzustellen, um ihre Qualitäten und auch ihre Schwierigkeiten bildlicher an die Menschen heranzutragen. Denn schlussendlich haben wir sie alle in uns. Manchmal braucht es nur jemanden, der einen daran erinnert, wie facettenreich wir sind.
So kamen wir auf die Idee, ein Märchen, nämlich die Bremer Stadtmusikanten, zu nutzen, um diese Wesensglieder zu charakterisieren und darzustellen. Marco hatte jenes Märchen in der Theosophie mal im Zusammenhang mit den Figuren von Leib, Lebensleib, Seele und Ich eingebracht und nun hatten wir damit endlich ein Gerüst gefunden. Ab jetzt begann die spaßige und intensive Arbeit: Wer spielt welches Tier bzw. welches Wesensglied und was macht z. B. eine Seele, ein Ich oder einen physischen Leib aus? Es gelang uns schnell und harmonisch, all diese Entscheidungen zu treffen, und wir wuchsen in unsere Aufgabe hinein. Aus „Ich weiß nicht, wie wir das je schaffen sollen“ und „Wir haben tausend Ideen, die irgendwo in der Luft schweben“ wurde langsam aber sicher ein „Leute, ich merke, wenn wir das so machen, dann kann das richtig toll werden“. Das ist eine Entwicklung oder ein Prozess des sich langsam Vertrauens, den ich durch das Projekt kennen und schätzen gelernt habe. Viele Wochenenden mit vielen Ideen und Szenen verstrichen, und nach und nach fanden wir uns ein. Man bekam ungeahnte Energie und den Mut, etwas Eigenes zu präsentieren. Ich hatte die Rolle der Katze, die der Seele zugeordnet war. Später haben wir sie umgewandelt zur Tänzerin und Künstlerin. Ich lernte, mich hineinzuversetzen in jemanden, der Aufmerksamkeit und im Mittelpunkt stehen liebt und sich so bunt und facettenreich zeigt, der anschmiegsam und doch eigenwillig ist, im einen Moment himmelhoch jauchzend erscheint und kurz darauf zu Tode betrübt sein kann und trotzdem, wenn sie in ihrer Mitte ist, eine Balance zwischen all dem findet. Es war sehr lehrreich sowie herausfordernd, sich so von sich selbst zu lösen. Besonders bleibt mir in Erinnerung, wie schön es sein kann, mal etwas anderes aus sich schöpfen zu können als das, was man von sich kennt. Es gibt einem die Chance, allen, aber primär sich selbst zu zeigen, was abgesehen von dem, was man von sich kennt, noch so im Verborgenen auf seinen Auftritt wartet und zu wie viel man fähig ist. Die Aufführungen am Ende, all das liebe und berührte Feedback und unser Trimesterzusammenhalt in der ganzen Zeit sind etwas Unvergessliches, das einen besonderen Platz in meinem Herzen bekommen hat. Ich bin sehr froh, dass ich das mit unserem Trimester und Annabel erleben konnte, es hat mir nachhaltig viel Selbstvertrauen, Flexibilität und Überwindungskräfte geschenkt.